Tolleiv Nietsch schmeißt hin

Wie der derzeit einzige Entwickler und Maintainer von TemplaVoila bekannt gegeben hat, plant er, seine Arbeit daran künftig einzustellen. In seinem Blog schreibt er, dass er mit dem derzeitigen Stand des gesamten TYPO3-Projektes relativ unzufrieden sei und fragt sich, ob es überhaupt noch Sinn mache, wenn TemplaVoila ein Teil des „TYPO3-Universums“ bleibe. Als Grund dafür führt er unter anderem an, daß sich der Kern von TYPO3 in einer Weise ändere, dass die Pflege „einfach keinen Spaß mehr“ mache. Weiter hebt er hervor, daß TemplaVoila ständig unter verbalen Attacken seitens derjenigen Entwickler stehe, die andere Systeme massiv bewerben, was ebenfalls sehr demotivierend sei.

Man kann ihn verstehen, durchaus sogar. Noch viel mehr versteht man ihn vor dem Hintergrund des Ereignisses, das sich beim 3. TYPO3camp Stuttgart zugetragen haben soll. Nachdem die Nachricht von der möglichen Einstellung des TemplaVoila-Projektes dort bekannt gegeben wurde, fingen Teile des Publikums an zu jubeln. Prima, seid stolz auf Euch! Jubelt weiter, wenn etwas eingestellt werden soll, was Tausende von Anwendern, Integratoren, Entwicklern und vor allem Kunden wollen. Gibt es denn keinen Raum für andere als diejenigen Systeme, die eine gewisse Elite zur Zeit favorisiert? Was favorisieren sie morgen? Wieder etwas anderes? Sind wir auf einem SED-Parteitag gelandet? Wieso bejubelt ihr etwas, was lediglich einen weiteren Sargnagel für das System TYPO3 darstellt? Schämt ihr Euch eigentlich nicht? TemplaVoila wurde bis heute 324.707 mal heruntergeladen. Sicher handelt es dabei nicht um genau so viele einzelne Personen, aber gut 50.000 Anwender dürften da schon zusammenkommen.

Im Folgenden zitiere ich Jigal van Hemert, der wohl vor Ort war. Er schrieb es mit der Bitte um Übersetzung in die deutsche TYPO3 Mailing-Liste. Ich habe es übersetzt (einige andere auch). Ich gebe es (mit einigen Korrekturen) komplett so wieder, wie ich es auch in die Mailing-Liste gepostet habe. Wie die Organisatoren des 3. TYPO3camp in Stuttgart mit dem unangebrachten Jubel umgingen, wird dem Vernehmen nach unterschiedlich beurteilt. Die einen sagen, sie hätten ihn ebenfalls abgelehnt, andere meinen, sie hätten ihn gut gefunden. Wirklich beurteilen kann das folglich nur jemand, der dort selbst anwesend war. „Inspiring People to Offend“ wird hoffentlich kein neues TYPO3-Motto werden.

Update: Wie ich soeben aus vertrauenswürdiger Quelle erfahren habe, war der Autor des folgenden gar nicht bei der Veranstaltung anwesend. Ich ging natürlich vom Gegenteil aus. Was ihn trotzdem bewogen hat, diesen Text zu schreiben, entzieht sich meiner Kenntnis. Möglicherweise hatte auch er vertrauenswürdige Quellen, ich weiß es nicht, vielleicht äußert er sich noch dazu. Auf jeden Fall ist das Folgende dahingehend zu relativieren, daß es sich offenbar nicht um einen Augenzeugen handelt.

Tolleiv Nietsch hat an verschiedenen Stellen angekündigt, dass er den Support und die Entwicklung der Extension TemplaVoila einstellen will. Diskussionen [in englischer Sprache] können in der Mailingliste typo3.projects.templavoila stattfinden. Bei meinem Beitrag geht es [nur] darum, was beim 3. TYPO3 Camp Stuttgart geschehen ist.

Als die Neuigkeit bekannt wurde, fingen Teile des Publikums an zu jubeln. Eine Reaktion, die ich nicht verstehe. Ich finde [die Reaktion] beschämend, nicht akzeptabel, mies, ja sogar ekelhaft. Ebenfalls verstehe ich nicht, warum niemand aufgestanden ist und diesen Leuten gesagt hat, dass so ein Verhalten unzumutbar und respektlos ist.

Jemand sagte, es ginge nicht um den Entwickler, den die meisten gar nicht kannten, sondern dass es vielmehr um das Produkt [TemplaVoila] selbst ginge. Das macht das Ganze fast noch schlimmer. Ist es denn etwa in Ordnung, ein Produkt nieder zu machen, dabei den Entwickler und Supporter nicht zu kennen, der eine Menge Zeit und Energie in die Extension gesteckt hat, und die von vielen [Menschen] immer noch benutzt wird? Wenn jemand ein Produkt nicht mag, dann soll er es einfach nicht verwenden.

Heute schäme ich mich, ein Teil dieser Community zu sein, welche sich eigenen Mitgliedern gegenüber auf diese Weise verhält.
An die Leute, die gejubelt haben: Wenn Sie zustimmen, dass so ein Verhalten in der Tat inakzeptabel ist, dann melden Sie sich und haben den Anstand, sich aufrichtig zu entschuldigen.
Wenn Sie [aber] glauben, Ihr Verhalten sei richtig gewesen, dann meine ich, Sie sollten kein Teil dieser [TYPO3] Community mehr sein.
An die Veranstalter: Wenn so etwas im Rahmen ihrer Veranstaltung geschieht, dann meine ich, dass es ihre moralische Verpflichtung wäre, gegen solche Ungezogenheiten vorzugehen.

Ich hoffe wirklich, dass das ein einmaliger Ausrutscher war und dass wir so etwas nicht noch einmal erleben müssen. Jigal van Hemert — Beitrag in der deutschen TYPO3 Mailingliste vom 10. Juni 2013

Soll mich (und eventuell auch andere) das in der Meinung bestärken, dass man nicht sehr viel versäumt, wenn ich nicht von Bangkok nach Deutschland fliege, um an einer Veranstaltung teilzunehmen und dafür auch noch bezahlen soll, bei der „Jubel-Perser“ sich nicht zivilisiert benehmen können?

Für TemplaVoila hoffe ich jedenfalls, dass vielleicht doch noch so etwas wie ein Ruck durch die Community geht und eine Lösung gefunden wird, die alle zufrieden stellt. Es muss doch Raum für mehr als ein System vorhanden sein. Wenn nicht, dann „gute Nacht TYPO3“. Last not least bedanke ich mich bei Tolleiv Nietsch für sein jahrelanges Engagenment. Da eine Entscheidung noch nicht endgültig gefallen ist, denke ich dass Tolleiv massenhaft Zuspruch durch die Community mehr als verdient hat.

  • http://www.wmdb.de Mathias Schreiber

    Woran liegt das? Am Rendering durch Fluid oder an Extbase selbst.

    Am “verbesserungswürdigen” ORM von Extbase.
    Lösungansatz: “Dann schreib dein SQL auch selber”.
    Finde ich valide, aber dann brauch ich das a) auch nicht und b) wozu dann überhaupt Extbase, wenn ich doch wieder nativ an die DB muss.

    Fluid tut sich mit ungecachten Templates etwas schwer, ist aber vom Speed her gleichauf mit ###RENDERMICH### (schauder).
    Sobald das Template einmal gerendert wurde, geht sowohl RAM Verbrauch als auch Parsetime runter.
    Warum weiß ich nicht, aber ich meine mal gehört zu haben, das Sebastian da irgendeinen Cache drin hat, der abseits von TYPO3 Caches läuft.
    Soll heißen:
    TYPO3 kann zwar die Seite nicht cachen, Fluid das Template aber schon.

    Das ist grade im High-Load Sektor echt nützlich.

  • http://t3agent.de t3agent

    Meine bescheidene Meinung, ein gewissen Einsteiger-Bedarf an Programmierkenntnis muss es geben um das System auch übergreifend wartbar zu machen. Ich bin selbst jemand der gar nicht aus der PHP Ecke kommt aber genau deshalb gab es für mich immer von Anfang die TypoScript Integration und die dafür dann richtig.

    Gridelements braucht nicht mehr GUI die Wizards zum Anlegen der Elemente sind gut und schnell und bieten genug Platz um im Laufenden System einfach zu erweitern. Die Kombination aus Backend-Layouts, gridelements und einer gescheiten TypoScript-Integration ist bei uns genau deshalb zum Standard geworden. Das alles ist wartbar, es versteht eigentlich jeder und was mir persönlich wichtig ist. Ich muss das Template auch statisch anschauen können ohne dass da Müll erscheint, das hindert mich daran in der Basis Fluid zu benutzen.

    Die Diskussion insgesamt finde ich sehr sehr gut, endlich kommen mal Probleme zu Tage die viele verschweigen oder gar nicht kommunizieren wollen. Der eine oder andere Traut sich mal richtig was, das finde ich spitze. Wäre das früher passiert hätten wir eventuell schon ein paar Jahre früher unser Neos gehabt und würden die Kunden jetzt nicht in so einer schwammigen Situation wieder finden… *pieks*

  • http://www.wmdb.de Mathias Schreiber

    Was mir in GE fehlt ist die Möglichkeit, in einem Grid Container klar sagen zu können welches CE von welchem Typ wie oft durch einen Redakteur ausgewählt werden darf.
    Ob Joey die Fluid Templates für Grid-Single-Elements gemacht hatte, weiß ich nicht genau, glaube aber ja.

    • Joey

      “Welches CE von welchem Typ” ist ja mit dem Feature “allowed CE” schon drin, was noch fehlt ist backendseitig ein “wie oft” – frontendseitig liesse sich das ggf. mit ein wenig TypoScript lösen.

      Wir sind aber eh dran, noch ein paar nette neue Features für die geplanten Gridpackages unter TYPO3 6.2 LTS reinzuschrauben. Stichwort “Dynamic Columns” etc.

      Mach mal Feature-Request, dann kümmere ich mich drum.

      FLUIDTEMPLATE kannst Du seit 1.4.1 / 2.0 übrigens auch für den Gridcontainer verwenden, weil wir dafür entsprechende Arrays in den Renderprozess geschraubt haben.

  • http://t3agent.de t3agent

    Ja das wäre sicher noch ein interessanter Punkt. Aber die Jungs sind da sicherlich offen für jedes Feedback.

  • David Bruchmann

    Was mir in GE fehlt ist die Möglichkeit, in einem Grid Container klar sagen zu können welches CE von welchem Typ wie oft durch einen Redakteur ausgewählt werden darf.

    Ja,im Hinblisk auf Seitentemplates bzw. Template-Vorgaben ist das interessant. Allerdings wäre dieser Punkt dann für alle Inhaltselemente interessant. So kann man schon per Elementauswahl genau definieren, wie eine Seite auszusehen hat. Diesen Ansatz habe ich in TYPO3 bisher jedoch noch nicht gesehen.