Ein Gastbeitrag von Thomas Skierlo.

Ich glaube durchaus, dass TYPO3 sich mehr und mehr von der internationalen Bühne verabschiedet – bzw. eher diese sich von TYPO3. Mit fällt es im deutschsprachigen Raum bereits schwer, noch ein TYPO3 Projekt unterzubringen – und rein deutschsprachige Projekte sind ohnehin rar. Die Akzeptanz von TYPO3 ist vital von der Verbreitung in Europa abhängig. Ich empfinde eine Diskussion über die jüngere Vergangenheit und Zukunft von TYPO3 daher als extrem wichtig.

Es war noch nie so, dass „oben an der Spitze“ irgendwelche Marketingdeppen sitzen und TYPO3 sich so machen wie sie glauben – es sind überall Entwickler dabei und jede Entscheidung hat schon einen Sinn (der im nachhinein vielleicht nicht ganz richtig war). Georg Ringer – Deutsche TYPO3 Mailingliste

Ich halte diesen Satz für absolut wahr, obwohl ich ihn wahrscheinlich ganz anders verstehe, als Georg ihn gemeint hat.

Ich würde mir an der Spitze genau diese „Marketingdeppen“ wünschen. Leute, die zyklisch gucken, ob das Produkt TYPO3 noch in den Karton passt, dessen Etikett lautstark verkündet, dass man kein Programmierer sein muss, um mit TYPO3 zu arbeiten. Dies muss man aber heute sein, also gilt es jetzt, alle Kartons wegzuwerfen und neue zu ordern, oder dafür zu sorgen, dass es wieder passt.

Auf neuen Kartons könnte (ohne Lüge) nicht mehr von tausenden Community Extensions die Rede sein, denn bei unzähligen ist bereits bei höheren Versionen als 4.5 die Lampe ausgegangen. Niemand weiß heute mehr, auf welche Extensions man noch setzen kann. Es entstehen neue „old school“ Extensions, und es gibt eine Entwicklergemeinde, die Extbase komplett ablehnt und als überflüssig erklärt. Versucht man es mit Extbase, so lernt man schnell viel über „Breaking Changes“ und „Performance Issues“.

Ich glaube, dass Entwickler für TYPO3 überlebenswichtig sind, ich glaube aber auch, dass sie keinesfalls Kapitänsfunktion haben sollten. Der derzeit größte Makel an TYPO3 ist die Absenz eines Produkt-Marketing, welches dafür Sorge trägt, dass aktuelle wie zukünftige Versionen immer einen kompletten Baukasten enthalten, der alle heutigen Anforderungen des Marktes erfüllt. Und da ein kompletter Baukasten leider auch Kernfunktionen erfordert, die der Kern nicht bietet (TV, Gridelements, News …), sollte kein neuer Core freigegeben werden, bevor Mission-Critical-Community-Extensions mitgezogen sind.

Meines Erachtens stagnieren die Kernfunktionen von TYPO3 seit 2009. Es kommt nichts hinzu, was der heutige Markt für CMS erwartet. Dies liegt daran, dass lediglich an der Kompatibilität des Gegenwärtigen mit der in irgend einer diffusen Zukunft liegenden Zukünftigen gearbeitet wird, anstatt das Kernprodukt marktgängig zu erhalten.

Es gibt einen kleinen Kreis von Wissenden. Einen Inner Circle mit Protagonisten, die vielleicht persönlich an der einen oder anderen Entscheidung beteiligt waren und die heute ihr „Baby“ mit aller Kraft verteidigen. Das ist menschlich, verständlich und absolut legitim. Diese Menschen haben kein Problem damit, wenn TV oder GE oder was auch immer nicht mehr funktioniert. Sie schreiben sich dann einfach ihr Custom-Element selbst.

Mir ist dies erstmalig vor 14 Tagen gelungen, mit einer ersten, nicht trivialen Extension. Damit werde vielleicht auch ich bald zu 6.0 migrieren können, und könnte mich jetzt eigentlich entspannt zurück lehnen. Die Sache hat jedoch einen Haken. Nicht jeder hat die Möglichkeiten, sich aus dem Berufsleben für lange Zeit zu verabschieden, um Programmieren (für die TYPO3 Insel) zu erlernen. Ich denke, ein Großteil wird daran scheitern und so mittelbar dafür sorgen, dass Agenturen temporär gute TYPO3 Leute suchen. Je unbeherrschbarer das Produkt und/oder die Doku werden, desto mehr profitiert ein Inner Circle von genau dieser Situation. Man hat ausgesprochen gut zu tun und merkt gar nicht, dass im Hintergrund die breite Basis wegbricht – und plötzlich Gift und Galle gegen TYPO3 spuckt. Ein Freund aus einem Kollegenbetrieb warnte vor Kurzem vor „TYPO3-ähnlichen Zuständen“ im Umfeld des Zend Frameworks. Das, was konsequent verleugnet wird, ist im weiteren Umfeld längst zum Aphorismus geworden.

Ich möchte eindringlich davor warnen, dass auch das Geschäftsmodell der Insider ins Wanken gerät, wenn TYPO3 nicht wieder in ruhigere Bahnen findet. Bahnen, die auch ohne Informatikstudium beherrschbar sind. Gelingt hier ein Schwenk nicht, so sollte man zumindest die Größe haben, und das Produktmarketing der Realität anpassen. Ansonsten schafft man nur „Opfer“. Und niemand möchte gern Opfer sein.

Ich weiß nichts Näheres über die Gründe, warum sich Kasper Skårhøj aus der Szene verabschiedet hat. Er war zweifellos ein Visionär, der immer einen Fuß am Boden hatte. Genug geerdet, um zu jedem Moment das Big Picture des Content Managements im Blick zu behalten, und die Usabillity. Mein tiefes Gefühl ist, dass er durch Technokraten ersetzt wurde, für die CMS nur noch ein banaler Randaspekt ihres Entwicklungs-Frameworks geworden ist.

Ich bin alt und grau, habe aber ausreichend Lebens- und Berufserfahrung, um zu wissen, wie Produkte „erfolgreich“ gehalten werden. Seit den 70er Jahren gibt es für erfolgreiche Softwareunternehmen ein ganz wesentliches Credo:

Keep developers out of product management. Pay them good, feed them – but keep them out of all vital and strategic decisions.

Ein solches Credo lässt sich natürlich in einem Open-Source-Umfeld nur eingeschränkt leben, was ab und an eben dazu führt, dass ein ehemals mächtiges Projekt in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Darwinismus ist keinesfalls nur auf Natur beschränkt. Er wird begünstigt durch Elfenbeintürme, in denen Insider gerne hocken.